Anschluss – Reich sind wir wieder – 30 Jahre ohne DDR

Der Ort jedenfalls ist mit Vorbedacht gewählt: Am Sonnabend steigt in Potsdam die zentrale Feier zum 30. Jahrestag der »deutschen Einheit«. Geplant sind ein ökumenischer Gottesdienst und ein Festakt mit Beteiligung der Staatsspitze. Parallel wird in der Preußenmetropole die groß beworbene Schau zum 75. Jahrestag der Potsdamer Konferenz der Siegermächte gezeigt, die das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als Befreiung vom Faschismus würdigt, sondern zum Beginn eines erneuten Opfergangs des »deutschen Volkes« umzulügen versucht. Unverkennbar ein Affront gegen das Land, das in dem von Nazideutschland entfesselten Raubkrieg den höchsten Blutzoll entrichten musste. Wenig erstaunlich, dass die russische Seite sich von der Ausstellung im Hohenzollernschloss Cecilienhof distanziert und alle zugesagten Exponate zurückgezogen hat.
Schließlich war es die Sowjetunion, die unter Michail Gorbatschow mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag den Weg freimachte für den Anschluss der DDR – unter der Bedingung jedoch, dass auf dem Gebiet des versunkenen sozialistischen Staates keine NATO-Truppen stationiert und eine Ausdehnung des Militärpakts nach Osten hin unterbleiben würde. Der Westen versprach es, und brach es: Heute stehen Bundeswehr-Soldaten an der russischen Grenze. Konsequent also, dass zur Potsdamer Jubelfeier kein Vertreter Moskaus eingeladen wurde, wie die russische Botschaft am Donnerstag auf Anfrage von jW mitteilte.

Unverzichtbar, Gesine P.Aber es geht ja voran: Viel Wohlstand wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten angehäuft – ein beispielloser Raubzug durch die neuen Ostgebiete nährte das deutsche Kapital. Gestärkt und mit hierorts dekretierten Niedriglöhnen ging es daran, die EU-Konkurrenz abzuhängen und sich wieder einmal Weltgeltung zu verschaffen.

Die Fesseln, die die DDR dem deutschen Imperialismus angelegt hatte, sind längst gesprengt, die sozialen und politischen Folgen verheerend. Zu allem Überfluss wird das kommende Jahr für das Establishment ganz im Zeichen des Jubiläums der Reichsgründung 1871 stehen. Dann glänzt auch die Disneylandkulisse des neu errichteten Stadtschlosses der Hohenzollern in Berlins Mitte. 30., 75., 150. – drei Jahrestage und die Art, wie sie begangen werden, zeigen: Auf den Trümmern der deutschen Geschichte soll Preußens Gloria neu erstrahlen. Ein kleiner Trost bleibt: Viele der Spuren des anderen, sozialistischen deutschen Staates, der Kriegstreibern und Faschisten konsequent Paroli bot, sind nicht zu tilgen.

 

Charlie Keller – Ich, Sigmund Jähn